Rezeptfälschungen im Fokus: Strategien und Prävention für die Apothekenpraxis
Im Rahmen eines aktuellen Fach-Webinars von Apotheke adhoc diskutierten Experten über die wachsende Problematik von Rezeptfälschungen. Trotz der Digitalisierung im Gesundheitswesen bleibt der Missbrauch von physischen Verordnungen ein kostspieliges Risiko für die Vor-Ort-Apotheken.

Die GKV verzeichnet derzeit einen signifikanten Anstieg der Schäden durch gefälschte Rezepte, die sich aktuell im siebenstelligen Bereich bewegen. Besonders brisant: Während das E-Rezept nach aktuellem Stand keine manipulativen Schwachstellen aufweist, bleibt das Muster 16 (Papierrezept) die zentrale Zielscheibe krimineller Aktivitäten.
Eine Retaxation seitens der Krankenkassen erfolgt, wenn die Fälschung »hätte erkannt werden müssen«. Dabei stoßen Plausibilitäts- beziehungsweise Identitätsprüfungen in der Apotheke schnell an Grenzen, sodass der dehnbare Begriff der Erkennbarkeit oftmals Anlass für Auseinandersetzungen mit den Kostenträgern bietet.
Modus Operandi: Typische Verhaltensmuster der Täter
Die Analyse der Experten zeigt klare Muster im Vorgehen der Tätergruppen:
Beschaffung: Verwendung gestohlener Formulare Muster 16 aus Arztpraxen.
Sondierung: Vorab erfolgt meist eine telefonische Verfügbarkeitsanfrage. Verweigert der Anrufer die Vorab-Übermittlung des Rezepts (via Messenger-Dienste oder E-Mail) zur Prüfung, ist Skepsis geboten.
Zeitpunkt: Die Einlösung wird gezielt in Randzeiten (Mittwoch- oder Freitagnachmittag, Abendstunden) gelegt, um eine telefonische Rücksprache mit der ausstellenden Praxis zu verunmöglichen.
Kritische Wirkstoffgruppen im Blick
Im Fokus stehen insbesondere hochpreisige Arzneimittel und Präparate mit hohem Schwarzmarktwert:
Als »Abnehmspritze« eingesetzte Präparate wie Wegovy, Ozempic oder Mounjaro
Hochpreisige RX-Produkte zur Einnahme, zum Beispiel orale Zytostatika für die Chemotherapie. Häufiges Ziel sind hier osteuropäische Länder.
Schmerzmittel, Dopingmittel, Psychopharmaka
Checkliste zur Plausibilitätsprüfung
Apothekenteams sollten auf folgende Red Flags achten:
Formale Fehler: Vierstellige Geburtsjahresangaben, Inkonsistenzen bei Schriftarten/-größen, fehlerhafte Dosierangaben oder unplausible Versichertennummern.
Geographische Anomalien: Große Distanzen zwischen dem Sitz der Praxis, dem Wohnort des Patienten und dem Standort der Apotheke ohne nachvollziehbaren Grund.
Digitale Barrieren: Ein Abgleich von LANR, BSNR oder Versichertendaten in Echtzeit ist systemisch kaum möglich; Datenschutzvorgaben erschweren zudem oft die schnelle Auskunft durch Krankenkassen.
Praxistipp: In einzelnen Bundesländern soll es seitens der Berufsverbände Checklisten mit Erkennungs-Merkmalen geben.
Tipps für den Alltag in der Apotheke
Die Implementierung einer festen Prüfroutine und die konsequente Sensibilisierung des gesamten Personals sind essenziell. Im Zweifelsfall schützt eine kritische Nachfrage oder die Verweigerung der Abgabe bei unklarer Faktenlage die Apotheke vor existenzbedrohenden Retaxationen. Oftmals brechen Täter den Vorgang bereits ab, sobald sie eine erhöhte Prüfintensität wahrnehmen. Mit der vollständigen Etablierung des E-Rezepts wird diese Sicherheitslücke voraussichtlich nachhaltig geschlossen.
- Dr. Jutta Degenhardt
Apothekerin
Leiterin der Abteilung BetriebswirtschaftTelefon: 0511 83390 -347Fax: 0511 83390 -343
